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Moskau - Die Herren der Ampeln

Moskau - Die Herren der Ampeln

Moskau, das nie schläft, kämpft mit der modernsten Verkehrsleitzentrale Europas gegen den ewigen Stau

Das Kontrollzentrum der Moskauer Verkehrsleitzentrale ZODD könnte als Kulisse für einen Science-Fiction-Film dienen. Hier ist alles Bildschirm. Vorne dominiert eine ganze Wand, auf der mal in Grün, Gelb und Rot die Verkehrssituation der Stadt in Echtzeit erscheint. Grün für freie Fahrt, gelb für zähflüssig, rot für Stau. Mal ploppen ein Dutzend Live-Bilder von Straßen und Kreuzungen in Schwarzweiß auf. Und links oben steht in großen Ziffern 146 geschrieben – so viele Kilometer Staus gibt es an diesem Vormittag. Zu den Stoßzeiten sind es mehr als 200. Die Mitarbeiter des Zentrums konzentrieren sich auf ihre eigenen, kleineren Monitore.

Im ZODD, der modernsten Verkehrsleitzentrale einer europäischen Metropole, laufen Informationen von 1500 Kameras zusammen, verstreut über alle Ecken der 12 -Millionen-Einwohner-Stadt. Sie zählen jeden Tag im Durchschnitt 3,1 Millionen Autos auf Moskaus Straßen. Anders als dort draußen ist es still in diesem Verkehrs-Kino. Sein Regisseur heißt Alexander Jewsin, Leiter des Kontrollzentrums. Jewsin ist der Herr über Moskaus Straßen, eine Megacity, die tagsüber dynamisch und aggressiv ist wie sonst nur New York und Shanghai und nachts ausgelassener feiert als beinahe jede andere europäische Hauptstadt. Und die den Fortschritt umarmt: Seit vier Jahren gibt es in der Metro flächendeckend Internet, Parkplatzgebühren können sekundenschnell über das Handy bezahlt werden und Moskau ist schon jetzt für den 5-G-Mobilfunk und Datenverkehr gut vorbereitet.

Den Rhythmus dieser Stadt“, sagt Jewsin, bestimmen die miteinander vernetzten Ampeln an den großen Magistralen. Wenn etwa am Freitagabend alle gleichzeig zur Datscha im Grünen flüchten, sorgen die Computer des ZODD für eine „Grüne Welle“ auf den Ausfallstraßen Moskaus. Jede Ampel kann auf unvorhergesehene Situationen reagieren. Das System meldet automatisch, wenn es zu einem Stau kommt. „Wenn wir dann rechtzeitig die richtigen Maßnahmen ergreifen, ist es schon nach einer Viertelstunde vorbei“, so Jewsin. Das ZODD kann die Ampeln umschalten oder auch Verkehrspolizisten zum Brennpunkt schicken. Zur Rush-Hour schlägt das System an vielen Stellen gleichzeitig Alarm. Dann sind die Männer und Frauen vor den kleinen Monitoren gefragt. Sie schätzen ein, wo eine Änderung der Ampelphasen sinnvoll ist und wo ein Eingreifen die Lage nur noch verschlimmert.

Moskau war lange als Stau-Hauptstadt Europas verschrien. Allmorgendlich drohte das Herz Russlands zu stocken. Dann verstopften Blechlawinen hoffnungslos die Arterien seiner Hauptstadt Moskau, weil Millionen Menschen zur gleichen Zeit in dieselbe Richtung wollen – ins Zentrum, wo ihre Arbeitsplätze sind, wo in Moskau die Musik spielt. Lange Schlangen bilden sich dann vor den langen Rolltreppen ins unterirdische Reich der Moskauer Metro.

Um nicht vollends im Verkehr zu ersticken, hat die Stadt mit einem jungen Ministerteam rund um Bürgermeister Sergej Sobjanin buchstäblich Berge versetzt. Die Metro, seit jeher nicht nur das schönste, sondern mit Zügen im Minuten-Takt auch eines der schnellsten U-Bahn-Netze der Welt, frisst sich immer schneller durch den Untergrund Moskaus. 212 Stationen gibt es, elf davon kamen allein in den vergangenen drei Jahren dazu. Acht neue Stationen werden in diesem Sommer eröffnet, bei neun weiteren der Grundstein gelegt.

Fast jeden Monat werden neue Stationen eröffnet, was für die Anwohner immer wie Geburtstag und Weihnachten zugleich ist. Auch über der Erde tut sich nach Jahren des Nichtstuns etwas. Vorbei sind die Zeiten, als ein Heer von rostigen Kleinbussen die Straßen unsicher machten. Inzwischen befördern modernen Busse und Straßenbahnen mehr als sechs Millionen Menschen täglich, fast schon so viele wie die Metro, die mit bis zu neun Millionen Rekordhalter in Europa ist. Auch entstehen allerorten neue Straßen und ausladende Kreuzungs-Schleifen, die sich vor denen auf amerikanischen Highways nicht verstecken müssen.

Zu den Stoßzeiten ist die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen in den vergangenen fünf Jahren nach Messungen von Yandex, dem „russischen Google“ sogar um zehn Prozent gestiegen. Mittlerweile besuchen Delegationen aus Europa, Asien und Südamerika die Moskauer High-Tech-Anlage, weil auch sie eine moderne Verkehrsplanung brauchen. Jewsin ist überzeugt, dass die Möglichkeiten seines Systems noch lange nicht ausgereizt sind. „Moskau hat gar nicht zu viele Autos, man muss sie nur gleichmäßiger verteilen“, meint er.

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Edith Mosebach